PROLOG
Das Erwachen
Finsternis. Äonen der Finsternis.
Nein – nicht Dunkelheit. Dunkelheit wäre eine Gnade gewesen. Dies war Bewusstsein. Endloses, qualvolles Bewusstsein, gefangen in einem Zwischenreich, in dem die Zeit zäh wie Pech verrann und jeder Atemzug – den sie weder brauchte noch besaß – eine Ewigkeit dauerte.
Veyra.
Ihr Name hallte durch die Leere. Oder war es ihr eigener Geist, der ihn flüsterte? Nach einer solchen Spanne Zeit konnte sie den Unterschied nicht mehr erkennen. Sie erinnerte sich an Licht. An Sterne, die am Firmament tanzten. An Lachen – ihr eigenes, jung und unbeschwert. An warme Hände und bernsteinfarbene Augen, die sie ansahen, als wäre sie das Zentrum der Welt.
Theron.
Sein Name war eine glühende Klinge in ihrer Brust. Ein Schmerz, der länger währte als jedes Imperium, das über ihr zu Staub zerfallen sein mochte.
Veyra hätte geschrien, hätte sie einen Körper besessen. Stattdessen bildete sich ein Haarriss im Gefüge ihres Gefängnisses. Nur eine winzige Spur, doch nach der absoluten Stille wirkte selbst dieses feine Knistern wie ein Donnerschlag.
Eine Welle aus reiner, heller Macht rollte durch die Dimensionen. Es war nicht die alte Magie, die sie einst eingekerkert hatte. Es war etwas Neues. Jünger. Ungestümer.
Das Siegel.
Veyra konzentrierte sich – oder das, was von ihrem Geist nach Äonen der Isolation noch übrig war. Sie tastete nach dem Riss, vorsichtig, wie man eine frische Wunde berührt. Da war es: Das Siegel war erneuert worden. Von zwei Sterngeborenen? Das war neu. Elara hatte es vor unendlich langer Zeit allein vollbracht. Jene Naivität hatte den Bann stark gemacht, aber auch starr und unflexibel.
Aber zwei Wächterinnen, die sich die Last teilten? Veyra lächelte – oder sie erinnerte sich daran, wie sich ein Lächeln anfühlte. Die Verbindung war stärker, aber durchlässiger. Die Erneuerung hatte eine Druckwelle durch die alten Gefängnisse geschickt. Und ihres – das älteste, das erste, das Vergessene – hatte nachgegeben.
Nur ein wenig. Aber ein wenig war genug.
Veyra schlug die Augen auf. Nein, sie hatte sie nie geschlossen, doch plötzlich gab es wieder etwas zu sehen. Sie lag auf kaltem Stein. Ihr Körper fühlte sich schwer an, fremd, als trüge sie eine Rüstung, die nicht passte. Sie hob die Hand. Finger. Fünf davon, fahl wie Mondlicht und überzogen mit schwarzen Linien. Keine Tätowierungen – Sternmale.
Ihr Mal. Einst war es klein gewesen, ein elegantes Zeichen des Stolzes auf ihrer Schulter. Jetzt überwucherte es ihren Körper wie dunkler Efeu in einer Ruine.
Veyra richtete sich auf. Ihre Bewegungen waren steif und mechanisch. Sie blickte sich um. Die Kammer war klein und rund, die Wände aus schwarzem Fels mit Runen bedeckt, die matt im Dämmerlicht glimmten. Bannrunen. Magie, die sie hier halten sollte.
Hätte halten sollen.
Sie stand auf. Ihre Beine zitterten, doch sie zwang sie zum Gehorsam. Schritt für Schritt ging sie auf die Tür zu – eine massive Platte aus Sternensilber, graviert mit dem Siegel der ersten Wächter. Veyra legte die Hand darauf.
Das heilige Metall des Siegels zischte unter ihrer Berührung. Beißender Rauch stieg auf, wo ihre fahle Haut die Runen berührte, und der Geruch nach verbranntem Fleisch erfüllte die Enge der Kammer. Schmerz – scharf, real und brennend willkommen – schoss wie ein Blitz durch ihren Arm. Es war die erste echte Empfindung seit einer Ewigkeit, ein Beweis ihrer Existenz. Die Runen flimmerten gepeinigt auf, ihr goldenes Licht erstarb unter dem Druck von Veyras Schwärze.
Sie drückte fester zu, ignorierte die Qual, bis das Sternensilber unter ihren Fingern nachgab. Die massive Tür barst nicht mit einem gewaltigen Knall; sie zerbrach lautlos wie altes, sprödes Glas. In einem Regen aus silbrigem Staub, der wie sterbende Funken zu Boden rieselte, löste sich ihr Gefängnis auf.
Veyra trat hindurch. Der Gang dahinter war in vollkommene Finsternis gehüllt, doch ihre Augen – nun von einem unheilvollen, glimmenden Rubinrot – durchdrangen die Nacht mühelos. In einem polierten Stein an der Wand erhaschte sie einen Blick auf ihr Spiegelbild: Eine Fremde starrte zurück, gezeichnet von den dunklen Malen ihres Hochmuts. Jeder Schritt fühlte sich nun sicherer an, die mechanische Steife wich einer räuberischen Eleganz. Mit der Bewegung kehrten die Erinnerungen zurück. Nicht die lichten Momente ihrer Jugend, sondern die Schatten, die danach gekommen waren.
Sie sah die Schlacht wieder vor sich. Die Verschlinger – jene formlosen Schrecken aus der Leere, die sie mit ihrer eigenen Macht gebannt hatten. Sie spürte erneut die Versuchung, die wie süßes Gift in ihre Adern gesickert war: Behalte die Macht. Nur ein wenig. Nur für eine kurze Zeit. Du hast es dir verdient. Sie erinnerte sich an das schleichende Verderben auf ihrer Haut. Wie ihr Mal sich gewandelt hatte, von reinem Gold zu mattem Silber, von Grau zu jenem unerbittlichen Schwarz, das nun ihren ganzen Körper forderte. Sie sah das Entsetzen in den Gesichtern ihrer Gefährten – und schließlich sah sie ihn.
Theron Noren. Ihr Partner. Ihr Geliebter. Der Mann, dessen Liebe einst ihr Anker gewesen war. Er war es gewesen, der den ersten Stein geworfen und das erste Wort des Rituals gesprochen hatte. Veyra hielt inne, ihre Hände ballten sich zu Fäusten, die Fingernägel gruben sich in das weiche, neue Fleisch. Sie hörte sein letztes Flüstern in der Stille ihres Geistes: „Es tut mir leid. Es tut mir so leid.“
„Leid“, krächzte sie. Das Wort war kaum mehr als ein rostiges Scharren in ihrer Kehle, als rieben Mahlsteine auf trockenem Sand aufeinander. Äonen der Einsamkeit. Jeden Pulsschlag des Verrats hatte sie bei vollem Bewusstsein durchlitten, eingebrannt in ihr Gedächtnis. Und er? Er war gewiss längst zu Staub vergangen, seine Gebeine von den Mühlen der Zeit zu Nichts zermahlen, während sie in der Unendlichkeit gebrannt hatte.
Veyra atmete tief ein. Zum ersten Mal seit dem Ende der alten Welt füllte sich ihre Lunge. Die Luft schmeckte nach Moder, nach feuchter Erde und dem süßlichen Aroma des Verfalls. Es war perfekt.
Sie stieg die spiralförmige Treppe am Ende des Ganges empor. Stufe für Stufe kehrte die Kraft in ihre Glieder zurück, ein dunkler Strom, der durch ihre Venen kribbelte. Am oberen Ende wartete ein weiteres Siegel, doch es war schwach, ein kläglicher Überrest vergangener Größe. Eine bloße Berührung genügte, um es wie ein Spinnennetz zu zerreißen.
Dann ergoss sich das Mondlicht über sie.
Veyra trat ins Freie und sah zum ersten Mal seit dem Untergang ihrer Ära den Himmel. Er war von einer grausamen Schönheit. Die Sterne funkelten wie eisige Diamanten auf schwarzem Samt, und der Mond hing schwer und träge über dem Horizont. Doch ihr Blick wurde von etwas anderem angezogen: Ein neuer Stern stand am Firmament, schwarz mit einem pulsierenden, silbernen Kern. Das neue Siegel.
Sie spürte die Verbindung. Zwei Seelen waren mit diesem Licht verwoben. Jung. Unerfahren. Sterngeborene. Die neuen Wächterinnen dieser sterbenden Welt. Eine von ihnen fühlte sich seltsam vertraut an – nicht ihre Seele, aber die Essenz ihrer Macht. Es war, als würde Veyra durch einen Schleier in einen Spiegel blicken und eine jüngere, unberührte Version ihrer selbst sehen. Ein kalter Glanz trat in ihre Augen.
Ein Scharren hinter ihr. Ein Atemzug, der nicht der ihre war. Veyra wirbelte herum, die Schatten zu ihren Füßen begannen bereits, sich wie hungrige Raubtiere zu recken…
Eine Gestalt löste sich aus dem Dunkel der Trümmer. Ein Mann, gebeugt unter der Last zerfetzter Roben, die einmal Prunk gewohnt gewesen sein mochten. Sein Antlitz war eine Landkarte aus tiefen Falten, doch in seinen Augen glühte ein Licht, das irgendwo zwischen absolutem Wahnsinn und verzweifelter Hoffnung flackerte.
Er sank auf die Knie, als wäre die bloße Aura ihrer Präsenz eine physische Last.
„Göttin“, krächzte er, und seine Stimme brach wie trockenes Holz. „Ihr ... Ihr seid zurückgekehrt.“
Veyra betrachtete ihn mit der kühlen Neugier einer Raubkatze. „Wer bist du?“, hallte ihre Stimme von den schwarzen Steinmauern wider.
„Ich bin Marek. Hohepriester des Ewigen Sterns. Wir haben gewacht, Herrin. Generationen haben in der Finsternis ausgeharrt.“ Tränen schnitten tiefe Furchen in den Schmutz auf seinem Gesicht. „Die Prophezeiungen des Staubes ... sie waren wahr. Die Erste ist erwacht.“
Veyra verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. „Prophezeiungen?“
„Dass die Erste Wächterin sich aus ihrem Grab erheben würde. Dass Ihr uns von der Tyrannei der Neuen befreien würdet. Dass Ihr—“
„Genug.“ Das Wort schnitt durch sein Stammeln wie ein Henkersbeil. Veyra trat einen Schritt näher, und die Luft um sie herum schien merklich kälter zu werden. „Wie viele seid ihr?“
„Dreißig verbleiben in diesen heiligen Ruinen, Göttin. Doch im ganzen Land verbergen sie sich in den Schatten, wartend auf ein Zeichen.“
„Dreißig.“ Veyras Lippen verzogen sich. Es war kein Lächeln, das Wärme spendete, sondern die bloße Zurschaustellung von Zähnen. „Ein bescheidener Anfang.“
Sie streckte die Hand aus. Schwarze Schlieren, feiner als Spinnenseide und dunkler als die tiefste Nacht, krochen von ihren Fingerspitzen und schlangen sich um Mareks Handgelenk. Er keuchte auf, den Körper von einem heftigen Schauder gepackt, doch er wehrte sich nicht. Er ließ es geschehen, als sie wie eine Flutwelle in seinen Geist eindrang.
Bilder rasten an ihr vorbei. Fragmente einer Welt, die sie nicht mehr kannte. Unzählige Zeitalter waren vergangen, seit ihr Kerker versiegelt worden war. Imperien waren wie Herbstlaub verweht, neue Städte aus dem Schutt gewachsen. Doch die Sterngeborenen – jene Brut ihrer Nachfolger – existierten noch immer. Verehrt als Heilige, gefürchtet als Richterinnen.
Und dann fand sie sie. Tief vergraben in Mareks gläubigem Bewusstsein. Zwei junge Frauen. Die eine mit Haar so schwarz wie Rabenschwingen und Augen aus flüssigem Bernstein. Die andere mit silberner Mähne und einem Blick, der an den Frost des Winters erinnerte.
Aylin. Sera.
Veyra stieß den Priester zurück. Marek taumelte, nach Luft ringend, als hätte sie ihm die Seele ein Stück weit ausgesaugt.
„Bring mir die anderen“, befahl sie, und ihre Stimme war nun von einer unerträglichen Autorität. „Alle. Jetzt.“
„Ja, Göttin. Auf der Stelle.“ Er verneigte sich so tief, dass seine Stirn den Staub berührte, bevor er in der schwärze der Gänge verschwand.
Wieder war sie allein unter den fremden Sternen. Veyra hob ihre Hand und betrachtete das wuchernde Mal, das nun jede Spanne ihrer Haut forderte. Während draußen ganze Äonen verstrichen hatte sie Zeit gehabt zu planen. Zu wachsen. Zu hassen.
Das Siegel war stark und gewiss. Doch nichts, was von sterblichen Händen gewoben wurde, war ohne Makel. Sie würde das Siegel nicht brechen. Sie würde es sich untertan machen. Sie würde es wie ein zweites Gewand anlegen und die Welt lehren, was wahre Größe bedeutete.
Zum ersten Mal seit Ewigkeiten lächelte Veyra wirklich. Einst hatten die Verschlinger sie in den Wahnsinn getrieben. Jetzt würde sie selbst zum Albtraum werden, der die Schatten beherrschte.
Sie blickte hinauf zu dem schwarzen Stern mit dem silbernen Kern.
Komm zu mir, kleine Wächterin. Zeig mir, ob dein Licht hell genug brennt, um nicht in meiner Dunkelheit zu ersticken.
Hinter ihr, in den Schatten der verfallenen Bögen, schälten sich Gestalten aus der Nacht. Dreißig Schatten. Dreißig Fanatiker, deren Ahnen bereits den Staub ihrer Wiederkehr herbeigesehnt hatten. Veyra drehte sich zu ihnen um.
„Meine Kinder“, sagte sie, und ihre Stimme floss nun süß und gefährlich wie Honig. „Es ist Zeit. Bringt mir die Sterngeborenen. Jede einzelne, derer ihr habhaft werden könnt.“
Ihr Lächeln wurde breiter, während die Schatten um sie herum zu tanzen begannen.
„Ich bin hungrig.“
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